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Der Alt-Right-Komplex - Über Rechtspopulismus im Netz: Know your Enemy.

Um sich im Museum dem gepflegten Müßiggang hinzugeben und im Umgang mit der Kunst die Sorgen des Alltags zu vergessen oder sich in der Betrachtung möglicher Welten zu verlieren, ist der Hartware MedienKunstVerein in Dortmund die denkbar schlechteste Adresse. Dort hat man es sich zur Aufgabe gemacht, in engagierten Themenausstellungen fundierte Gegenwartsanalysen zu vermitteln. Die aktuelle Gruppenausstellung „Der Alt-Right Komplex“ zeigt künstlerische Positionen, die sich mit Rechtspopulismus im Netz auseinandersetzen. Innerhalb gegenwärtiger Debatten um die Autonomie der Kunst, Kunst und Politik oder einer Politik der Kunst, bezieht man damit eine klare Position. Inke Arns, die künstlerische Leiterin des HMKV und Kuratorin der Ausstellung, bringt dies im Katalog auf den Punkt: „Menschen müssen verstehen, was sie umgibt und wie diese (technologischen) Systeme funktionieren. Die Ausstellung soll eine erste Handreichung sein.“ Aus dieser Haltung heraus leuchtet es sprichwörtlich ein, dass der Weg in die Ausstellung von wandhohen Leuchttafeln gesäumt wird, die den BesucherInnen zentrale Begriffe für ein besseres Verständnis dieses Themenkomplexes anbieten. Dahinter erstreckt sich ein offener Parcours, der komplexe Zugänge offeriert.

Zur ersten Orientierung dient eine spekulative Kartografie des KünstlerInnen-Duos DISNOVATION.ORG (Maria Roszkowska & Nicolas Maigret), auf der politische Memes verzeichnet sind. Memes sind Bilder, Zeichen oder kurze Botschaften, die im Internet für Propaganda gebraucht werden. Anhand der Achsen Links-Rechts und Libertär-Autoritär visualisieren die beiden KünstlerInnen die Ergebnisse ihrer Recherche zu Online-Kulturkriegen, die sie auch als politischen Kompass (--> www.politicalcompass.org) ins Web stellen. Das Diagramm führt vor Augen, wie sich die Alt-Right Bewegung die Plattformen, Kanäle und Visualisierungen der zeitgenössischen Popkultur aneignet, um rassistische, frauenfeindliche oder homophobe Ideologien zu verbreiten. Die künstlerischen Verfahren der Appropriation, der Collage und Montage werden zur strategischen Manipulation ‚alternativer Fakten‘ und ‚Fake News‘ eingesetzt. Die Provenienz und Referenz von Bildern scheint längst nicht mehr gesichert. Ihre Bedeutung verändert sich relativ zum Kontext der Verbreitung – allerhand Lug und Trug inklusive.

Wie die Alt-Right Bewegung immer wieder auf Affekte und Vorurteile zielt, wird auch in den weniger bekannten dokumentarischen Filmpamphleten von Steve Bannon einsichtig. Der Künstler Jonas Staal schneidet und montiert Szenen aus Bannons Filmschafen neu, um so die unterlegte ideologische Erzählstruktur offenzulegen. In der Dortmunder Präsentation laufen auf mehreren Bildschirmen stereotype Szenen und Filmmotive, die mit Schlagworten wie ‚Banknotes‘, ‚progressiv Movements‘ oder ‚Enemies outside/within‘ bezeichnet sind. So werden in einer Art Bildatlas die ideologischen Pathosformeln und ikonographischen Muster fadenscheinig, derer sich die Alt-Right Bewegung bedient.

Weitaus perfider funktioniert das Webprojekt ‚Breitbart Red‘ des KünstlerInnen-Duos Ubermorgen (lizvlx & Hans Bernhard). In der Benutzeroberfläche eines Computerspiels verpacken sie ein toxisches Gemisch aus nordischer Heraldik, Transhumanismus, Selbstoptimierung und Retrofuturismus. Ehe man sich versieht, steigern sich Informationsdichte, Rhythmus und Sound zu einer Kakophonie rechter Propaganda, die nur durch die Navigation der Maus zu den Bildrändern gebremst werden kann. Für eher Traditionsverbundene präsentiert Simon Denny passende Brettspiele. Diese entwickelte er als Varianten von Spieleklassikern, die sich auch unter Rechten einer großen Beliebtheit erfreuen. Nick Thurston dokumentiert die Hassreden rechtsextremer Gruppierungen in Onlineforen und legt sie als gebundene Bücher auf eine kreisrunde Formation von Notenständern. Die Anonymität im Netz wird durch die pseudo-sakrale, männerbündlerische Aufstellung im Raum konterkariert. Das Video „Breiviks Erklärung“ von Milo Rau und IIPM (International Institute of Political Murder) zeigt Nahaufnahmen der deutsch-türkischen Schauspielerin Sascha Ö. Soydan während sie die Rede des rechtsextremistischen und islamfeindlichen Terroristen Anders Breivik vor dem Osloer Amtsgericht liest.

Einen poetischen Kontrapunkt zu all den in der Ausstellung gezeigten Schrecken setzen die feinen Comiczeichnungen von Paula Bulling und Anne König, die in drei Episoden die Morde des so genanten NSU verarbeiten. Die dritte Episode des Comics erzählt die Geschichte von Gamze Kubaşik, deren Vater am 4. April 2006 in Dortmund ermordet wurde.

Die Ausstellung ist keine realistische Widerspiegelung der politischen Verhältnisse der Gegenwart mit den Mitteln der Kunst. Heterogenes oder Antagonistisches bleiben unvermittelt nebeneinander stehen. Die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion verschwimmen immer wieder und fransen aus. Und doch stellen sich die stärksten ästhetischen Erfahrungen dort ein, wo das scheinbar absurde Fiktionale aus der Sphäre des Museums in den Alltag kippt und zur schrecklichen Realität wird. Ein umfassendes Begleitprogramm und Material auf der Webseite des HMKV ermutigen zum Weiterdenken. Der Eintritt ist frei, aber sicher nicht umsonst.

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Thorsten Schneider ist artmagazine Stipendiat 2019
Wir danken der   für die Unterstützung des artmagazine-Stipendiatenprogramms

Der Alt-Right-Komplex - Über Rechtspopulismus im Netz
30.03 - 22.09.2019

Hartware MedienKunstVerein
44263 Dortmund-Hörde, HMKV im Dortmunder U / Leonie-Reygers Terrasse
Tel: +49 (0)231 40 80 279
Email: info@hmkv.de
http://www.hmkv.de
Öffnungszeiten: Di-Mi 11-18, Do-Fr 11-20, Sa-So 11-18 h


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