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Peter Sandbichler - Unpredictable: Die Kartonschraube als Denkmal

Im Dornbirner Rüsch-Werk, dem heutigen Kunstraum Dornbirn, wurden bis 1984 Turbinen hergestellt. Ein perfekter Raum für eine geschraubte Spirale von Peter Sandbichler.
Der ehemalige Industrieraum mit seinem technoiden Flair lässt die Begehung der großen horizontalen Kartonschraube zu einem Erlebnis werden, wo jede Stellung eine neue Perspektive auf die kartonierte Skulptur zulässt. In der Dreidimensionalität wird das Nicht-Sprachliche und Unerklärliche der Plastik sinnlich erfahrbar. Sandbichler kann hier ganz anders agieren wie bei seinen Arbeiten im öffentlichen Raum. Der geschützte Innenraum jenseits von Vandalismus und Witterung mit den vielen Kränen, die die Kartonschraube halten ermöglichen ihm - und da kommt der Künstler ins Schwärmen - die seltene Möglichkeit richtig „frei und wild“ zu arbeiten. Der Kunstraum ist für Sandbichler schlicht „... die Welt und das tollste, das ihm im ersten Lockdown an Auftrag passieren konnte.“
Die Exaktheit der Konstruktion mittels 3D-Programm am Computer steht in spannender Paradoxie zu den zufälligen Gebrauchspuren der Kartons, die in ihrem ersten Leben als Verpackung für Fahrräder gedient haben. Vor Ort entschied sich der bei Wander Bertoni und Bruno Gironcoli ausgebildete Bildhauer die maschinellen Drucke mit gesprayten Mustern zu erweitern. Die gefaltete Kartonspur im Raum ist sozusagen die künstlerische Antwort auf die Corona-Pandemie so wie die Dreifaltigkeitssäule am Wiener Graben die mittelalterliche Antwort auf die Pestseuche war. Dem Falten gewinnt Peter Sandbichler dabei eine kunstphilosophische bzw. theologische Dimension ab. So wie bei Gian Lorenzo Bernini die verzückte Teresa von Avila in der römischen Kirche Santa Maria della Vittoria in einem Meer von Falten, die aus einer unsichtbaren Kraft wild aufgebauscht werden, sich ihrem spirituellen Orgasmus hingibt, so gefällt Sandbichler die Vorstellung mit seinen Falten die unsichtbare Energie einer transzendenten Macht, ja der Seele, zu veranschaulichen. Die epochale Bedeutung der Falte lässt sich nebenbei bemerkt bei Gilles Deleuze als eine barocke Metaphysik in einem leicht greifbaren Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft nachlesen.

Das zweite Objekt im ehemaligen Rüsch-Werk ist das Modell eines überdimensionierten Elefantenschädels. Tierschädel faszinieren Sandbichler schon lange, hier in Dornbirn hat er erstmals einen Elefantenschädel gebaut, und zwar aus drei Ebenen zu je neun Teilen, die den Schädel aus einer Perspektive als grausiges Haupt eines Zyklopen und aus einer anderen Sicht als Kopf eines alten Mannes und erscheinen lassen. Die „alten weißen Männer“ sind für Sandbichler kein Feindbild per se, immerhin bezieht er sich auf Mies van der Rohe und Buckminster Fuller.

Peter Sandbichler war Anfang der 1980er Jahre in New York. Damals sei New York so voll sprühender Kunstideen gewesen, wie man sich New York eben vorstellt. Der Hip-Hop stand in Hochblüte, Jeff Koons mischte den Kunstmarkt auf und Georg Baselitz und Jörg Immendorff hatten ihre große Zeit. In den 1990er Jahren arbeitete der gebürtige Tiroler dann für Peter Weibel. Die Medienkunst sei damals um vieles spannender als die verstaubte Malerei gewesen, theoretischer, experimenteller, anarchischer.

Übrigens arbeitet der Kunstraum mit einem Budget von 20.000 Euro aus öffentlichen Fördertöpfen. Wenn man bedenkt, dass hier Künstlerinnen ausstellen, die mitunter in Häusern arbeiten, die eine halbe bis eine Million pro Ausstellung locker machen können, eine nicht unerhebliche Leistung. Die Skulpturen bleiben immer im Besitz des Künstlers und jeder Großsammler, der etwa den Elefantenschädel in seinen Kunst-Hangar stellen möchte, ist herzlich willkommen.

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Die Eröffnung der Ausstellung findet am 6. Mai ab 16 Uhr statt

Peter Sandbichler - Unpredictable
07.05 - 15.08.2021

Kunstraum Dornbirn
6850 Dornbirn, Jahngasse 9
Tel: +43 5572 55 0 44, Fax: +43 5575 55 0 44-4838
Email: kunstraum@dornbirn.at
http://www.kunstraumdornbirn.at
Öffnungszeiten: Di-Sa 16-19, So 10-13 u. 16-19 Uhr


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