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Out of Polling

Zur Fertigstellung von STOA169

Gut drei Jahrzehnten hatte die Idee den Künstler Bernd Zimmer beschäftigt, in den letzten Jahren war deren Durchführung zunehmend dringlich geworden. Es ist dies nicht alleine am zunehmenden Alter des einstigen Vertreters einer jungen deutschen wilden Malerei und Protagonisten der „Moritzboys“ geschuldet, viel eher waren es die globalen Umstände, die ihm zum Handeln veranlassten. Krieg und Hungersnöte, Vertriebene und Geflüchtete, es wäre ihm in Zeiten wie diesen ein besonders Anliegen gewesen, ein Zeichen für internationale Solidarität und Frieden zu setzen.

Im Winter 1989/90 war dem Künstler in Südindien beim Besuch von Tempeln der Hindu aufgefallen, dass in den Hallen, die zu den Heiligtümern führen, jede der Säulen anders gestaltet war. „Wieso nicht Künstler aus aller Welt fragen, eine Säule zu gestalten?“, war damals die spontane Idee, der heute noch der mittlerweile etwas erkaltete Hauch der 1980er Jahre anhaftet. Was daraus wurde, ist eine überraschendes Künstlermanifest, eine Halle getragen von 121 Säulen, geschaffen von Beteiligten aus allen Kontinenten, von der Weltkunst bis hin zu Karrieren, die sich auf den Bestenlisten des Marktes tummeln. Wie der Name STOA169, vermuten lässt, war das ganze vorerst mit 13x13 Säulen größer geplant. Dass es nun 11x11 sind tut der Monumentalität keinen Abbruch, beeindruckend ist diese Halle allemal. Man kann es wie Zimmer selbst „erstaunliche Bonboniere“ nennen oder „Zeichen von Grenzenlosigkeit, friedlicher Koexistenz und der Achtung der Freiheit des Anderen“, wie es der Ideengeber etwas bedeutungsträchtiger formuliert. Und weil das oberbayrische Polling Zimmers Heimat ist, und das Flüsschen Ammer sein Ganges, steht das ganze nun dort, umgeben von Feldern, Wiesen und Wäldern, erreichbar lediglich zu Fuß oder mit dem Rad. Außer einer Spendenbox mit einer Broschüre mit Beiträgen zu jeder einzelnen der Säulen ist weit und breit nichts bauliches in der Landschaft hinzugekommen. Was tagsüber bei der Kunstpilgerschaft für ein AHA! sorgt, ist nachts rege von Füchsen und Hasen frequentiert, Insekten und Vögel haben in einzelnen Säulen ein zuhause gefunden, die umliegende Fläche wird nun wieder als Blühwiese der Natur rückgeführt. Die heftigen Diskussionen, die mit dem Projekt einhergingen, seien hier lediglich erwähnt (und sind nachzulesen), denn seit kurzem ist die „Insel des freien Diskurses“ (Bernd Zimmer) der Öffentlichkeit übergeben. Der Eintritt zu der Wandelhalle der zeitgenössischen Kunstproduktionen ist frei, das Vermittlungsangebot nachgerade vorbildlich, die Ergebnisse des ersten Bauabschnitts haben so manche Familie aus dem Corona-Blues gerettet, viele kommen gerne wieder und mittlerweile häufen sich dem Vernehmen auch an den umliegenden Parkplätzen überregionale Kennzeichen.

Das alles gibt es also, mag man staunen über die Vielfalt, die sich das zwischen A wie Akademie-Säule und Z wie Zentrale Säule auftut, an Medien und Materialien, ganz demokratisch nach ihrem Einlangen oder der Fertigstellung, aneinanderreiht. Österreicher sind auch dabei, mit Brigitte Kowanz und ihrer Arbeit „Transmission“ (einer weissen Stele, deren schwarze, horitontale Streifen einen Morsecode ergeben) auch eine Österreicherin. Siegfried Anzinger beispielsweise laut Eigenbezeichnung als „zeichnender Maler oder malender Zeichner“ durchaus einschlägig, Erwin Wurm, man ahnt es, mit einer Gurkerl-Säule, ebenso. Flatz lässt, gleichsam als Ursäule, eine Platane durch eine der Öffnungen der Decke wachsen und tanzt damit etwas aus der Reihe des akkuraten Arrangements. Herbert Brandl platziert als Wächter seiner monochrome Säule einen wütenden Vierbeiner und formuliert dazu in der Broschüre sein Konzept: „Für Vincent van Gogh. Ich stelle mir ein warmes Sonnengelb vor, im besten Falle von Bernd Zimmer eigenhändig gemalt. Dazu der Kontrast der grünen Bronze: 'Elvis the Horrible' bewacht die Säule.“ Walter Vopava gibt sich mit einer Bronzesäule als nachgerade klassischer Vopava, während man bei Hans Schabus und dem seiner Funkion beraubten Rettungsring , der sich um die Stele fügt, ins Grübeln gerät.

Geredet und diskutiert wird viel, alleine im Kunstdiskurs, was auch immer das bedeuten mag, ist STOA169 noch nicht angekommen. Womöglich benötigt das auch noch etwas Zeit.Tempel werden ja eher für die Ewigkeit gebaut und irgendwann wird man STOA169 womöglich als Zeitkapsel von drei Generationen am Übergang von analoger zu digitaler Kunstproduktion verstehen.

--> stoa169.com/de/

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